s p i e l e r l o s

nachtsplitter ist ein Vampire Live Spiel ohne Spieler. Oder ohne SL. Je nachdem wie man es sieht. Aber wie soll das funktionieren? Vielleicht überraschend viel einfacher als man denkt. Wenn man sich auf den Gedanken einlässt und unvoreingenommen bleibt:

Geheimnisse. Ein möglicher „Vorwurf“ gegen ein Spiel ohne SL (bzw. ein Spiel, in dem jeder SL ist) könnte sein, dass es keine Geheimnisse gibt. Aber das stimmt nicht: Denn jeder Teilnehmer hat seine eigenen Geheimnisse. Und nur er weiß, was die wahren Absichten seines Charakters sind. Dass die Geschichte der Domäne weitgehend geheimnisfrei ist, ist an sich egal: Die Plots und Handlungsstränge gehen zwar auf alte Feindschaften zurück, handeln aber im Hier und Jetzt.

Hintergründe. Die Hintergründe zum Spiel werden gemeinsam geschaffen. Und das sollte man sich nicht als Tagung der AstA vorstellen, mit Abstimmungen und Votings und dergleichen. Stattdessen werden die Hintergründe der Domäne in einem Wiki angelegt. An dem jeder Teilnehmer des Spiels mitschreiben kann. Änderungen der Artikel bleiben nachverfolgbar. Und jeder Teilnehmer hat „Hoheit“ über den Aspekt des Domänenhintergrundes, den er selbst ins Spiel gebracht (= verfasst) hat. Das gilt auch und insbesondere für Charaktere: Ein Teilnehmer schreibt z.B. in den Artikel zu seinem Charakter eine Episode über eine langjährige Fehde mit „dem Bluttäufer“ – einen Charakter, den es vorher nicht gab. Für diesen eröffnet er einen neuen Artikel und hält einige Notizen zu ihm fest. Solange dieser Charakter nicht durch einen anderen Teilnehmer übernommen wurde, besitzt der ursprüngliche „Erfinder“ des Bluttäufers die Hoheit über „seinen“ Wiki-Artikel. Und damit den Charakter. Übernimmt aber ein Teilnehmer den Bluttäufer als Charakter (wogegen der Erfinder eine Art „Veto“ hat, sollte der Teilnehmer nun gar nicht zu diesem Charakter passen) geht dieser auch vollständig in dessen Besitz über und jener Darsteller hat nun die Hoheit über den Charakter und dessen Hintergrund.

Hierarchien. Um ein Chaos in den Hintergründen zu vermeiden, folgt das Wiki einer klaren Struktur von Hierarchien und einfachen Regeln, die wirklich jeder schnell begreift. So ist ein Grundsatz, dass ein Artikel zwar jederzeit erweitert oder verfeinert, nicht aber im Grundsatz geändert werden kann. Steht im Artikel des Bluttäufers also, dass dieser ein Gangrel ist, kann ein späterer Autor ihn nicht zum Ventrue machen. Er könnte aber die Passage, in der es heißt der Bluttäufer sei ein Diablerist derart abändern dass er von der Domäne für einen Diableristen gehalten wird, nachdem ein Hofgericht 1912 dies so entschieden hat, dass aber bis zur heutigen Nacht auch Zweifel an der Wahrhaftigkeit jenes Vorwurfes bestehen.

Regeln. Die andere Funktion, die klassisch der SL obliegt, ist die Frage der Regeln und ihrer Auslegung bzw. Anwendung. Auch hier geht nachtsplitter einen eigenen Weg, indem das Grundregelwerk der Domäne so dermaßen vereinfacht wurde, dass sich Streitigkeiten über Regeln in 9 von 10 Fällen von vorneherein erübrigen. Weil das Regelwerk – abgesehen von Disziplinen – dem „du kannst, was du darstellen kannst“ Prinzip gehorcht. Das hat den weiteren Vorteil, dass die eigenen Disziplinpunkte schon die einzigen Werte sind, die man sich merken muss (üblicher Weise sind dies eh die einzigen Werte, die man im Kopf behalten kann). Die herrschenden Grundregeln gelten als „fix“ und werden in Zukunft nur dann angetastet, wenn die Teilnehmer am Spiel in ganz überwiegender Mehrheit befinden, sie müssten verändert werden.

Jyhad. Ein weiteres Novum bildet ein simpler Regelmechanismus, der einerseits das Erfahrungspunktesystem ersetzt, andererseits aber für einen Ausgleich der Machtverhältnisse der Charaktere sorgt: Das Jyhad-System. Indem ein Teilnehmer in einer Szene „JYHAD“ ansagt, macht er sich quasi spontan zum Ober-SL und kann (innerhalb gewisser Grenzen) überraschend ein neues Element zur Story hinzufügen und damit seine Gegner überraschen. Natürlich ist die Zahl der Male, an denen jemand JYHAD ansagen kann, begrenzt und gerecht unter allen Teilnehmern verteilt. Und auch kann in jeder Szene nur 1 JYHAD angesagt werden. Mehr dazu an anderer Stelle.

Krisen. Dass sich 9 von 10 Streitfragen von vorneherein erledigen, bedeutet natürlich noch immer, dass 1 Streitfrage bleibt. Für diese und andere Krisen existiert ein gestuftes Abstimmungssystem. Soll heißen: Man diskutiert den Punkt und einigt sich hoffentlich, aber wenn auch das nichts bringen sollte kommt es zur offenen „Kampfabstimmung“ per Handzeichen. „Gestuftes“ System bedeutet, dass Spieler, die schon länger dabei sind, mehr Gewicht (= Stimmen) haben als „Frischlinge“. Diese Korrektur soll verhindern, dass das komplette, seit Längerem stabil laufende Spiel durch den Einzelentscheid einer Gruppe von 10 frisch beigetretenen Teilnehmern über Nacht aus den Angeln gehoben wird.

Unmachbarkeit. Der platteste Vorwurf gegen das nachtsplitter-System ist, dass es nicht funktionieren wird. Aber warum eigentlich? Nur, weil es noch nie gemacht wurde? Man hat auch aas und die Midnight Dance Idee einer Vampire Live Runde in Berlin als unmöglich verlacht, 1993. Und davon ab: Die meisten heutigen Vampire Live Runden bestehen ohnehin aus mehr SLs als Spielern. Insofern besteht der einzige reale Unterschied darinn, dass man nun offen darauf verzichtet, einzelne Teilnehmer zu dissen, in denen man ihnen Gestaltungsmöglichkeiten vorenthält, die dem Rest (und der Mehrheit) der Runde offenstehen.


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