t r a d i t i o n e n

Das Wesen einer Domäne und ihrer Herren erkennt man nicht zuletzt daran, welchen Stellenwert die Traditionen in ihr einnehmen und wie diese verstanden und umgesetzt werden. Und das zerspaltene Berlin bietet hier keine Ausnahme. Im Gegenteil.

Bedingt durch die konfliktreiche Vergangenheit der Domäne – beginnend beim Ringen der 5 Prinzen und dem Aufstieg der Doppelstadt Berlin-Cölln über den Größenwahn der Großdomäne Berlin und den zerborstenen Traum des Reichsprinzen bis hin zu dessen Untergang und der Zerschlagung der alten Mitte und ihrem erneuten Entstehen aus Asche und Hass und schließlich die Errichtung der Berliner Verbannung – stellen die Traditionen die wichtigsten Eckpfeiler der Berliner Exilanten dar. Und somit ein Fundament, an dem keiner je zu rütteln wagt.

Kenntnis der Traditionen wird in Berlin von jedermann – auch einem einreisenden Fremdling – erwartet. Unkenntnis führt zu Spott. Und Strafe.

I. Die Tradition der Maskerade

DU SOLLST NIEMANDEM DEINE WAHRE NATUR OFFENBAREN, DER NICHT VON UNSERER ART IST. WER SOLCHES TUT, HAT SEINE BLUTRECHTE VERWIRKT.

In Berlin wird üblicherweise zwischen einer Gefährdung der Maskerade und dem wahrhaften Bruch der Maskerade unterschieden. Als Gefährdung zählt hierbei bereits, Aufmerksamkeit auf ein Treffen der Kinder Kains gelenkt oder mit Begrifflichkeiten der Blutsverwandten unachtsam hantiert zu haben. Auch die Gefährdung der Maskerade wird in Berlin streng bestraft. Ein wahrhafter Bruch der Maskerade führt in Berlin in jedem Fall zu Vernichtung des Schuldigen.

II. Die Tradition der Domäne

DEINE DOMÄNE IST DEIN BELANG. ALLE ANDEREN SCHULDEN DIR IHREN RESPEKT, WÄHREND SIE IN IHR VERWEILEN. NIEMAND MAG SICH IN DEINER DOMÄNE GEGEN DEIN WORT AUFLEHNEN.

Diese Tradition gilt dem Berliner Prinzen als die Heiligste und Wichtigste der Traditionen, und selbst noch höher als die Tradition der Maskerade. Damit soll nicht gesagt sein, dass die Maskerade unwichtig wäre – aber der Prinz (und sein Vertreter) kann sich über Fragen des Bruchs der Domäne weit mehr aufregen und ihn zu Überreaktionen treiben, als man erwartet.

Der Grund hierfür ist natürlich, dass der Prinz – und jeder in der Stadt – umso stärker am Recht der eigenen Domäne festhält, je „gefangener“ man in dieser ist. Während der Prinz sich als Herren der ganzen Domäne betrachtet (und den Archon nur als Hüter der Grenzen AUSSERHALB der Domäne duldet, der über Berlin selbst keine Verfügungsgewalt besitzt), achtet er auch die Domänen anderer in abnehmender Hierarchie:

Der Prinzregent zu Spandau mag in seinen Augen nur der Verwalter des prinzlichen Gebietes dort sein, dies allerdings IST er auch, und wer sein Wort in Spandau missachtet wird vor dem Prinzen wenig Gnade finden.

Dies gilt in überraschend striktem Maße auch für den GASTGEBER eines Abends, der in den Augen des Prinzen und der Domäne somit „Herr der Domäne dieses Abends“ ist, zumindest über alle Anwesenden, die sich durch ihr Kommen seiner Hoheit unterworfen haben (in Teilen selbst jene, die ihm übergeordnet sind).

III. Die Tradition der Nachkommenschaft

DU SOLLST ANDERE UNSERER ART NUR MIT DEM SEGEN DEINES AHNEN ERSCHAFFEN. ERSCHAFFST DU EINEN ANDEREN OHNE DEINES AHNEN ERLAUBNIS, SO SOLLEN DU UND DEIN KIND ERSCHLAGEN WERDEN.

In Berlin herrscht eine Zweiteilung der Macht zwischen den Ältesten der ansässigen Clane und dem Herren der Domäne: Während Erstere die Erschaffung eines Kindes gemäß dieser Tradition untersagen können (was ihnen quasi ein Veto-Recht gibt), ist der Prinz der Einzige, der die Erschaffung erlauben kann. Es ist in Berlin schon vorgekommen, dass zwar der Erschaffer eines unerlaubten Kindes erschlagen, das Kind aber in den Besitz eines anderen überstellt wurde.

IV. Die Tradition der Rechenschaft

JENE, DIE DU ERSCHAFFST, SIND DEINE KINDER. BIS DEINE NACHKOMMENSCHAFT ENTLASSEN IST, SOLLST DU SIE IN ALLEN DINGEN UNTERWEISEN. IHRE SÜNDEN SIND DIE DEINEN ZU TRAGEN.

Wie in der Camarilla allgemein üblich, hat auch in Berlin die Entlassung vor einem Prinzen (bzw. dessen Vertreter) stattzufinden. Die Freisprechung kann in Berlin frühestens nach 1 Jahr und 1 Nacht erfolgen, so will es die hiesige Konvention.

V. Die Tradition der Gastfreundschaft

EHRE DES ANDEREN DOMÄNE. KOMMST DU IN EINE FREMDE STADT, SO SOLLST DU DICH JENEM OFFENBAREN, DER DORT HERRSCHT. OHNE SEIN WORT DER BILLIGUNG BIST DU NICHTS.

Diese Tradition betrifft in Berlin eigentlich zwei Ahnen, nämlich den Archon und den Prinzen (bzw. dessen Stellvertreter). Diese Tradition beinhaltet die Legitimation zur Vernichtung JEDES nicht vorstellig gewordener Blutsverwandten, denn er ist ja „nichts“.

Das Recht des Archonten, sich auf diese Tradition zu berufen, steht allerdings auf wackeligen Beinen und hat bereits zu scharfen Auseinandersetzungen geführt: Der stehende Befehl des Inneren Zirkels durch das Berliner Edikt besagt, dass An- und Abreisen nach bzw. von Berlin über Potsdam zu erfolgen haben, das damit quasi die Funktion einer „Portaldomäne“ hat. Wer nun aber NICHT via Potsdam einreist und in Berlin willkommen geheißen wird, hat zwar ohne Zweifel den Befehl der Camarilla ignoriert, aber formell betrachtet nicht die Tradition der Gastfreundschaft missachtet (denn er hat Potsdam ja nie betreten, und der Archon hast eigentlich kein Verfügungsrecht über ihn).

Wie vieles in Berlin, was nicht ganz eindeutig ist, gibt es um diese Praxis Streit (denn der Berliner Prinz LIEBT es, Anverwandte feierlich willkommen zu heißen, die nicht über Potsdam gekommen sind – ebenso wie er es liebt, jene zappeln zu lassen, die vom Archonten herzlich willkommen geheißen wurden).

VI. Die Tradition der Vernichtung

ES SEI DIR VERBOTEN EINEN ANDEREN DEINER ART ZU VERNICHTEN. DAS RECHT DER VERNICHTUNG OBLIEGT AUSSCHLIESSLICH DEINEM AHNEN. NUR DIE ÄLTESTEN UNTER EUCH SOLLEN DIE BLUTJAGD AUSRUFEN.

Das Recht der Vernichtung ist dem Berliner Prinzen aberkannt worden, was diesen aber nicht daran gehindert hat, es sich zurückzuholen. In mehreren blutigen Schauprozessen hat der Prinz durch seine Stellvertreter überdeutlich gemacht, dass er von der Wahrung dieses Rechtes in keinem Falle Abstand nehmen wird.

Nach 13 Nächten – und ebenso vielen „Gerichteten“ – lenkte Gerüchten zufolge der Archon bzw. die Camarilla durch eine geheime Depeche ein, in der – zwar nicht offiziell, aber unter der Hand – dem Berliner Prinzen sein Recht zuerkannt wurde. Die Alternative wäre der Entmachtungszug samt Jagd gegen den Prinzen gewesen, wozu sich offenbar angesichts dessen Macht (und womöglich heimlichem Zuspruch der Ahnen seines Clanes) niemand bereit fand.

Die „13 Schandnächte“ (auch „die 13 Schächtungen“ genannt) sind ein Makel auf dem Ruf der Camarilla und ein wunder Punkt, der auf Seiten der Loyalisten des Prinzen bösartige Freude, auf Seiten der Loyalisten des Archonten verbitterte Empörung hervorruft – insbesondere deshalb, weil die „Prozesse“ gegen die 13 Schuldigen eine Farce und die Mehrzahl derselben zweifelsfrei Neonaten ohne die geringste Schuld an irgendetwas waren (wozu andere Neonaten zuweilen höhnisch bemerken, dass es auch nicht gerade nach Zufall aussieht, dass die Camarilla genau in dem Moment nachgab, als der Kopf des ersten Ancilla rollte, und man sich seine falsche moralische Entrüstung gerne sparen könne).


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